Eine Werkschau
Entdecke meine Welt kreativer Freiheit, wo Bilder, Skulpturen und Collagen zur freien Besichtigung gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Mein digitales Atelier versucht ein Abbild meiner kindlichen Begeisterung für eigenartige Gestaltung zu sein. Gerne teile ich meine artifizielle Welt ohne gedankliche Grenzen mit dir.
Jede Tür gibt einen Weg frei zu einer thematischen Bildauswahl, wobei der Untertitel einen ersten Richtungshinweis nennt.
Die Dauer und die Reihenfolge deiner Erkundung richtet sich dabei ausschließlich nach deinem eigenen Interesse und deiner Zeit. Verlasse meine Welt, wann immer du dies möchtest.
Bitte bestimme selbst deinen Weg in mein Universum.
Eine Werkschau
Entdecke meine Welt kreativer Freiheit, wo Bilder, Skulpturen und Collagen zur freien Besichtigung gleichberechtigt nebeneinander stehen.
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Vorsicht!
Die folgenden Bilder und Collagen können Geschichten enthalten.
Manche sind harmlos.
Andere haben sich verselbständigt.
Zu ausgewählten Bildern und Collagen habe ich kurze literarische Texte verfasst.
Bild ansehen.
Titel anklicken.
Erzählung lesen.
Sich wundern.
Für den Rest übernehmen die Bilder keine Verantwortung.
Viel Lesevergnügen!
Durch die Möglichkeit, mit Hilfe kleiner Apps und Farbfilter digitale Collagen und Bilder auf dem iPad zu kreieren, entstanden qualitativ bessere Collagen. Die neuen Musikproduktionsapps, Synthesizer, Drums, modulare Elemente usw. ermöglichten auch uns Laien, plötzlich ganze Musikstücke zu produzieren. Die Videos lassen noch einen Schritt weiter zu. Auch hier ist es die Kombination von Elementen, die den Zusatzgewinn bringt.
Meine Fotos, Bilder, Collagen dienen als zusätzlicher visueller Reiz zu meinen meist instrumental- elektronischen Musikstücken.
Aber auch umgekehrt funktioniert eine solche Kombination: man lässt die Bilder am Bildschirm an sich vorüberziehen, die von der Musik untermalt werden und damit eine zusätzliche Dimension erhalten.
Ich empfehle, die Videos laut mit Kopfhörern auf sich wirken zu lassen.
Die Nacht begann nicht mit Kunst, sondern mit Papier.
Horst Janssen hielt einen Bogen gegen das Licht der Werkstattlampe, als prüfe er die Lunge eines Patienten. Das Papier raschelte trocken. „Zu hart“, sagte er. „Das nimmt keine Linie auf. Das stößt sie ab.“
Hartmut Frielinghaus stand am Tisch der Presse und schraubte langsam die Walze höher. Er tat das mit der Ruhe eines Mannes, der wusste, dass Janssen sowieso weiterreden würde. „Papier stößt gar nichts ab“, sagte er. „Papier ist geduldig. Nur deine Linien sind manchmal zu nervös.“
Janssen grinste schief. „Meine Linien sind weiblich.“
„Dann wundert mich nichts.“
Die Platte lag schon bereit. Das Metall schimmerte stumpf im Licht. Janssen beugte sich darüber wie über einen verletzten Körper. Die Figur darauf war halb Mensch, halb Karte. Linien liefen über Brust und Hals wie Wegmarkierungen. Pfeile, kleine Zeichen, kratzige Richtungen. Als hätte jemand versucht, einen Körper zu verstehen und dabei nur neue Fragen gefunden. Janssen nahm die Nadel. „Weißt du“, sagte er, „Frauen sind auch wie Radierplatten.“
„Oh Gott“, sagte Frielinghaus.
„Man arbeitet an ihnen. Man glaubt, man hat es verstanden. Dann kommt die Säure.“
Frielinghaus lachte leise und legte ein frisches Tuch über die Presse.
„Du verwechselst da was. Die Säure bist du.“
Janssen setzte die Nadel an. Ein trockenes Kratzen begann. Die Linie wuchs aus der Brust der Figur heraus, als würde sie aus ihr herausdenken. Die Werkstatt roch nach Metall, Farbe und Wein. Der erste Wein war schnell verschwunden. Der zweite auch. Janssen redete inzwischen mit der Platte. „Der Körper“, sagte er, „ist eigentlich ein Irrtum. Man denkt, er gehört einem.“ Er kratzte eine Hand ins Bild. Eine fremde Hand. Eine, die schrieb. „Aber in Wirklichkeit schreibt jemand anders.“
Frielinghaus trat näher und sah sich die Stelle an. „Die kommt aus einem alten Stich.“
„Ja.“
„Warum?“
Janssen zuckte mit den Schultern. „Weil jemand alles aufschreibt. Irgendein pedantischer Mensch. Vielleicht du.“
„Ich drucke nur.“
„Du druckst die Wahrheit.“
„Ich drucke, was du versaust.“
Die dritte Flasche stand schon offen. Janssen arbeitete jetzt schneller. Linien schossen über den Körper der Figur wie kleine Katastrophen. Pfeile, Notizen, winzige Gestalten. Der Körper wurde zur Landschaft. Er schwankte leicht über der Platte. „Diese Weibsbilder“, sagte er plötzlich.
Frielinghaus sagte nichts.
„Die denken immer, sie wären das Motiv.“ Er nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. „Dabei sind sie nur die Säure.“
„Das hast du vorhin schon gesagt.“
„Dann stimmt es wohl.“
Die Presse knarrte einmal, als Frielinghaus sie prüfend bewegte.
Draußen war es längst Nacht geworden. Die Werkstattlampe machte aus allem eine kleine Bühne aus Metall und Schatten.
Janssen setzte wieder an. Seine Hand wurde unruhiger, aber nicht schwächer. Die Linien bekamen etwas Dringliches. Als müsste der Körper auf der Platte noch schnell verstanden werden, bevor der Morgen kam. „Weißt du, Hartmut“, sagte er schließlich.
„Hm.“
„Das Schöne an der Radierung ist…“ Er suchte nach dem Wort und fand es nicht sofort. „…dass man immer tiefer hinein kann.“
Frielinghaus nickte.
„Und irgendwann ist die Platte kaputt.“ Janssen lachte. Ein kurzes, raues Lachen.
„Genau.“
Er kratzte weiter. Die Figur auf der Platte wurde immer dichter. Über ihr wuchs die dunkle Fläche der Nacht, die später im Druck wie ein schwerer Himmel aussehen würde. Und irgendwo rechts schrieb die fremde Hand ruhig weiter.
(Brief von Janssen zu diesem Abend, später)
Lieber Hartmut,
gestern wieder einmal der löbliche Versuch, einen Menschen zu machen.
Auf Kupfer selbstverständlich, denn auf Fleisch gelingt mir das bekanntlich schlechter.
Du standest an der Presse wie ein protestantischer Küster am Harmonium und sagtest etwas über Papier. Ich erinnere mich nur noch, dass es angeblich „zu hart“ sei oder „zu weich“. Papier hat ja überhaupt die Frechheit, Eigenschaften zu besitzen. Währenddessen habe ich die Figur weiter zerkratzt.
Sie sieht inzwischen aus wie ein Stadtplan von Hannover nach einem Luftangriff. Überall Pfeile, kleine Figuren, Wege ins Nichts. In der Brust ein Betrieb, der vermutlich Herz heißen soll, aber eher wie ein schlecht organisierter Maschinenpark aussieht. Rechts habe ich diese schreibende Hand hineingeschmuggelt. Ein alter Stich. Ein sehr fleißiger Mensch schreibt dort irgendetwas auf, wahrscheinlich meine Fehler. Das gefiel mir. Denn der Körper links weiß natürlich nicht, dass er protokolliert wird. Er steht da wie ein ertappter Hausbesitzer, während der Gerichtsschreiber bereits die Möbel inventarisiert.
Du hast gedruckt. Ich habe getrunken. Eine ausgezeichnete Arbeitsteilung.
Zwischendurch kamen wieder die unvermeidlichen Gespräche über Weibsbilder. Ich behauptete, Frauen seien wie Radierplatten: man arbeitet lange daran und am Ende kommt doch nur Säure dabei heraus. Du sagtest, die Säure sei vermutlich ich. Das kann sein.
Gegen Mitternacht war ich bereits ausreichend imprägniert, um sehr gute Linien zu machen. Die besten Linien entstehen bekanntlich kurz vor dem moralischen Zusammenbruch. Die Figur wurde immer dichter. Über ihr eine schöne dunkle Brühe von Farbe, wie Wetter über der Nordsee. Darunter der Körper, sorgfältig vermessen, aber keineswegs verstanden. So ungefähr sieht der Mensch aus.
Heute früh betrachte ich den Abdruck. Er ist unerquicklich, unerquicklich gut.
Wir müssen also leider weitermachen.
Dein
Horst 🖋️🍷
Drei radelnde Damen auf dem Weg ins Fegefeuer
Zwei Damen fahren bergauf mit ihren Röcken voller Wind und den Knien voller kleiner Uhren. Sie radelten nicht gerade schnell. „Eile ist unfein“, sagte die erste. „Eile ist unpräzise“, sagte die zweite. Sie waren sich da einig. Die erste hatte einen Korb dabei. Im Korb lag ein Sonntag, zusammengefaltet, noch warm vom Gebet.
Vor ihnen lag das Fegefeuer, was sie nicht weiter beunruhigte. Sie hatten es sich schlimmer vorgestellt. „Es soll ja mehr ein Übergang sein“, sagte die erste. „Ein Reinigungsprozess“, ergänzte die zweite. Sie traten weiter in die Pedale. Die Straße wurde heißer. Ein schwarzer Käfer überquerte den Asphalt und wusste offenbar mehr als die beiden Damen.
Die Bäume standen beidseitig wie alte Herren in ihren grünen Anzügen und strengten sich an wegzusehen. Der Weg war recht steinig, aber nicht unangenehm. Vor ihnen brannte ein Wäldchen
ohne Flammen. Die Fahrräder begannen jetzt zu schwitzen. Öl tropfte aus den Ketten, kleine schwarze Tränen, die niemand aufwischte.
Jetzt kam das Tor. Es war aus Eisen, aus Sonntag, aus vergessenen Namen.
Links und rechts lagen Überreste von etwas, das sicherlich einmal wichtig gewesen war. Sie sahen einfach nicht hin. „Glauben Sie, wir haben genug dabei?“, fragte die erste. „Man nimmt nichts mit“, sagte die zweite. Das fanden sie alles in allem ausreichend. Hinter dem Fegefeuer gab es ja auch keine kleine Bäckerei.
Als sie ankamen, hielten sie erst gar nicht an. Das Fegefeuer war… nicht eindeutig, aber zumindest einigermaßen sauber. Es war kein Feuer zu sehen, auch keine Flammen im übertragenen Sinn; eher eine Ansammlung von Zuständen: Menschen lagen dort, saßen dort, standen halb, als hätten sie eine Bewegung begonnen und sich dann umentschieden. Einige hielten sich fest, woran, war nicht immer klar. Ein Mann war dabei sich zu erinnern: das dauerte. Eine Frau hatte sich hingesetzt, ohne zu wissen, warum, und blieb dabei. Eine Gruppe stand zusammen und glotzte ein wenig. Es wurde nicht geklagt. Es wurde eher, wie sagt man, … fortgesetzt.
Die beiden Damen fuhren hinein; ohne abzusteigen. „Das war’s schon?“, fragte die erste.
„Offenbar“, sagte die zweite.
In diesem Moment kam eine dritte Dame hinzu, äußerst leicht gekleidet. Sie radelte nicht schnell. „Eile ist unnötig“, sagte sie, als wäre das Gespräch nie unterbrochen worden. Die beiden anderen nickten. Das hatte überzeugend geklungen. „Man nimmt nichts mit“, sagte die zweite. „Außer sich selbst“, sagte die dritte, überzeugt, dass es halt ergänzt werden musste. Sie fuhren nebeneinander weiter, aufrecht.
Das Fegefeuer als solches reagierte nicht. Oder, wenn überhaupt, nur wenig. Einige sahen kurz auf, wohl mehr aus Gewohnheit denn aus Interesse. Ein Skelett schien sich umzudrehen, überlegte es sich anders und blieb, wie es war. Jemand versuchte aufzustehen und stellte fest, dass es eigentlich keinen Unterschied machte und beließ es bei dem Versuch.
Die drei Damen fuhren hindurch; ohne anzuhalten. „Dann fahren wir weiter“, sagte die erste. Die anderen waren einverstanden. Hinter ihnen blieb etwas zurück, das nicht ganz verschwand, aber ja auch eigentlich nicht wirklich bestand. In ihrem Rücken rollte die Welt weiterhin bergab. Vor ihnen lag der Weg; er setzte sich fort, als hätte er nie etwas anderes getan. Die drei Damen plauderten angenehm weiter.
Der Tod macht eine Ortsbesichtigung
(unter Aufsicht eines Faultiers)
Am 12. November 1887, also einen Tag vor dem berühmten und unerquicklich handfesten Sonntag, stand der Tod persönlich am Trafalgar Square und schwankte ein wenig. Nicht existenziell – das tat er ohnehin ständig – sondern alkoholisch. 🍷
Der Tod, der im Kollegenkreis gewöhnlich Sensenmann genannt wird, hatte sich zuvor in einer kleinen Kneipe in der Nähe des Platzes zwei Gläser Porter und einen philosophischen Streit mit einem Matrosen genehmigt. Danach beschloss er, eine kleine Vorbemusterung des morgigen Arbeitstages vorzunehmen. Gewissermaßen eine Dienstreise mit Ortsbegehung.
Er lehnte sich auf sein Werkzeug – die Sense – und betrachtete die Szene.
London dampfte.
Pferde schnaubten.
Trams quietschten.
Menschen liefen herum und taten Dinge, die sie später „Geschichte“ nennen würden.
Der Tod zog eine Liste aus seinem Ärmel.
„Also gut“, murmelte er.
„Morgen ist wieder Großbetrieb.“
Eine kleine organisatorische Begehung
Der Tod war ein gewissenhafter Arbeiter. Er hielt nichts von improvisierten Katastrophen.
Er betrachtete die Straßen.
Die Schienen der Tram.
Die Laternen.
Die Polizeipatrouillen.
Und irgendwo in der Nähe sammelte sich bereits jene politische Spannung, die am nächsten Tag als Bloody Sunday 1887in die Zeitungen eingehen würde.
Der Tod nickte zufrieden.
„Die Menschen organisieren die meisten Dinge selbst“, sagte er.
„Ich bin nur für das Timing zuständig.“
Ein Faultier beobachtet den Betrieb
Über der Straße hing eine Hängematte.
Niemand wusste genau warum.
London stellte selten solche Fragen.
In der Hängematte lag ein Faultier.
Das Faultier bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die Geologen als „ambitioniert“ bezeichnet hätten.
Es betrachtete die Stadt mit stiller Skepsis.
Der Tod sah hinauf.
Das Faultier sah hinunter.
Beide nickten sich zu wie zwei Beamte verschiedener Behörden.
Nach etwa fünf Minuten bewegte das Faultier eine Augenbraue.
Der Tod fühlte sich respektiert.
Die Sache mit William Bate Curner
Der Tod schaute auf seine Liste.
„Punkt eins.“
William Bate Curner.
Steinmetz.
Solider Mann.
Der Tod blickte auf die Polizeipatrouillen.
„Das erledigt morgen ein Knüppel“, murmelte er zufrieden.
„Klassische Londoner Handarbeit.“
Er machte ein Häkchen.
Die unerwartete Kamera
Plötzlich bemerkte der Tod etwas Seltsames.
Eine Kamera fiel vom Himmel.
Langsam.
Sehr würdevoll.
Mit journalistischer Objektivität.
Sie rotierte dabei gemächlich durch die Luft und klickte mehrmals.
Der Tod runzelte die Stirn.
„Die Presse“, sagte er schließlich.
Die Kamera fiel weiter.
Sie fotografierte Laternen.
Sie fotografierte Tauben.
Sie fotografierte den Tod.
Der Tod zog instinktiv den Hut tiefer ins Gesicht.
„Ich sehe heute nicht fotogen aus.“
Das Faultier betrachtete die Kamera lange.
Dann entschied es sich, auch weiterhin nichts zu tun.
Large Long Lenny
Nun erschien ein Mann.
Ein langer Mann.
Ein sehr langer Mann.
Seine Beine wirkten, als seien sie aus zwei verschiedenen Stadtteilen zusammengebaut.
Sein Name war Large Long Lenny.
Doch das eigentliche Wunder war sein Schal.
Er war so lang, dass er vermutlich bereits drei Wahlperioden erlebt hatte.
Der Tod betrachtete zuerst den Schal.
Dann die Tram.
Dann wieder den Schal.
Langsam begann er zu lächeln.
Ingenieurskunst
Der Tod setzte sich auf ein Geländer und begann zu rechnen.
„Also gut.“
Er zeichnete mit der Sense kleine Skizzen in den Staub.
Der Tod nickte zufrieden.
„Mechanik“, sagte er ehrfürchtig.
„Die ehrlichste aller Wissenschaften.“
Die Kamera klickte.
Das Faultier dachte kurz darüber nach, eine Pfote zu bewegen.
Es vertagte die Entscheidung.
Der Morgen des 13. November
Der nächste Tag begann mit jener Stimmung, die London gewöhnlich hat, wenn es kurz davor ist, Geschichte zu produzieren.
Menschen strömten auf den Platz.
Redner brüllten.
Polizisten rückten vor.
Zeitungsverkäufer rochen Sensation.
Der Tod erschien pünktlich.
Er hatte einen leichten Kater, aber eine ausgezeichnete Übersicht.
Die Kamera hing inzwischen in einer Straßenlaterne fest und dokumentierte weiterhin alles.
Das Faultier hatte sich seit gestern etwa drei Zentimeter bewegt.
Der erste Programmpunkt
Die Demonstration eskalierte.
Ein Stoß.
Ein Schlag.
Ein Knüppel.
William Bate Curner fiel.
Der Tod machte ein kleines Häkchen.
„Effiziente Arbeit“, murmelte er.
Die Kamera klickte.
Das Faultier schloss kurz ein Auge.
Der große Moment
Nun erschien Large Long Lenny.
Sein Schal folgte ihm wie ein eigenständiges Verkehrssystem.
Er sprang auf die Tram.
Der Tod stellte sich neben eine Laterne.
„Jetzt“, sagte er leise.
Der Schal hing.
Das Rad drehte sich.
Der Schal begann nachzudenken.
Dann tat er das, was Schals in solchen Situationen gerne tun:
Er engagierte sich.
Er wickelte sich mit industrieller Begeisterung um die Speiche.
Die Tram fuhr an.
Der Schal zog.
Lenny machte eine überraschend elegante Drehung – eine Mischung aus Walzer und Maschinenbau.
Dann riss der Schal.
Der Tod war verblüfft.
Lenny hatte einen kurzen Moment entsetzliches Glück: er überlebte die Strangulation.
Der Tod war einen Augenblick fassungslos.
Dann fiel Lenny durch den unerwarteten Ruck sehr unglücklich.
Er schlug final mit dem Kopf auf einen Metallhaken.
Natürliche Mechanik.
Der Tod dachte: Aha, Plan B, konnte sich aber nicht mehr so genau erinnern, wann er diesen aufgestellt hatte.
Damit war für ihn die Sache erledigt.
Die Nachbesprechung
Die Tram fuhr weiter.
Menschen schrien.
Polizisten rannten.
Zeitungen bekamen Material.
Der Tod klappte seine Liste zu.
„Ein guter Arbeitstag.“
Die Kamera fiel schließlich aus der Laterne und machte beim Aufprall noch ein letztes Foto.
Das Faultier betrachtete alles lange.
Sehr lange.
Dann bewegte es seine linke Pfote.
„Interessant“, dachte es.
Der Tod setzte seinen Hut auf.
„Morgen habe ich frei.“
Und London lief weiter, als wäre nichts gewesen. 🚋💀
Die zweite Seite der Dinge
Der Morgen über dem Lake District war von jener stillen Klarheit, wie sie nur nach einer Nacht mit leichtem Regen entsteht. Die Hügel lagen frisch gewaschen da, und aus den Hecken stieg der Duft nassen Holzes auf. Kurt Schwitters ging langsam den Weg oberhalb von Ambleside hinauf, eine feste Stange in der Hand, wie sie ein Spaziergänger führt, der zugleich ein wenig sammeln will. Er hatte ein Auge für Dinge, die andere übersahen. Ein Stück Draht, das sich im Gras verfangen hatte. Ein verwittertes Brett. Ein Stein mit merkwürdiger Form. Manchmal blieb er stehen, bückte sich und prüfte ein Fundstück, als läse er darin wie in einem Buch. Gerade hatte er ein kleines, graubraunes Holzstück aufgenommen, dessen Maserung sich wie ein feines Netz über die Oberfläche zog, als er hinter sich Schritte hörte.
„Guten Morgen, Mister Schwitters.“
Es war Tom, der Sohn des Nachbarbauern. Ein Junge von elf Jahren, mit jener offenen, unverstellten Neugier, die nur Kinder besitzen, wenn sie glauben, etwas Geheimnisvolles in der Welt entdeckt zu haben.
„Guten Morgen, Tom“, sagte Schwitters freundlich. „Schon früh auf den Beinen?“
„Ich wollte sehen, was Sie da immer machen.“ Der Junge deutete auf die Dinge in Schwitters’ Tasche. „Sie sammeln Holzstücke.“
Schwitters lächelte. „Ja, das tue ich. Aber nicht nur Holz. Alles, was die Welt übrig lässt.“
Tom trat näher.
„Mein Vater sagt, Sie machen Kunst daraus.“
„Das stimmt.“
„Aber warum nehmen Sie gerade solche Sachen?“
Schwitters setzte sich auf einen Stein am Wegesrand. Er klopfte neben sich. „Setz dich einen Augenblick, Tom. Siehst du dieses Stück Holz?“
Der Junge betrachtete es aufmerksam. „Es sieht alt aus.“
„Sehr richtig. Vielleicht war es einmal Teil eines Zauns. Oder einer Werkbank. Vielleicht hat jemand darauf gesessen oder etwas darauf gehämmert.“
Tom nickte. „Und nun liegt es hier.“
„Ja“, sagte Schwitters. „Und nun beginnt seine zweite Geschichte.“
Der Junge runzelte die Stirn. „Die zweite?“
„Wenn ich es in meinen Merzbau einfüge.“
„Was ist eigentlich ein Merzbau?“
Schwitters nahm den Hut ab und strich sich durch das Haar. „Nun, Tom, stell dir einen Raum vor – etwa eine Scheune, so wie die meine. Und in diesem Raum wachsen Formen aus Dingen, die man findet. Holz, Papier, Draht, Stoff. Alles fügt sich zusammen, bis eine Landschaft entsteht.“
„Eine Landschaft?“
„Ja. Eine Landschaft aus Erinnerungen und Formen.“
Tom sah ihn an, als versuche er, sich das vorzustellen. „Also wie ein Haus?“
„Eher wie eine Höhle, die langsam wächst.“
Sie gingen weiter. Am Rand der Wiese lag ein kleiner Haufen alter Bretter, die der Winter aus einem Zaun gerissen haben mochte. Sie lagen wirr durcheinander, grau und rau vom Wetter. Schwitters betrachtete sie mit sichtlicher Freude. „Siehst du, Tom, hier hat die Natur schon begonnen zu arbeiten.“
Tom zog ein Brett heraus. „Das hier ist ganz krumm.“
„Gerade deshalb ist es interessant.“
Der Junge hielt das Brett gegen den Himmel. „Und was machen Sie damit?“
„Ich baue damit eine Form. Manchmal sieht sie aus wie ein Tier, manchmal wie ein Berg, manchmal wie etwas, das man gar nicht benennen kann.“
Tom ging neben ihm her. Nach einer Weile fragte er, ein wenig zögernd: „Waren Sie eigentlich ein Nazi?“
Schwitters blieb stehen, doch sein Blick blieb ruhig. „Nein, Tom. Ganz im Gegenteil.“
„Mein Vater sagte, Sie mussten Deutschland verlassen.“
„Ja“, sagte Schwitters. „Die Menschen, die damals an der Macht waren, mochten meine Kunst nicht.“
„Warum nicht?“
Schwitters nahm einen kleinen Draht vom Boden auf. „Weil sie glaubten, Kunst müsse streng und ordentlich sein. Große Helden, starke Körper, klare Linien.“
„Und Ihre Kunst ist nicht so?“
„Meine Kunst ist freier.“ Er reichte Tom den Draht. „Schau dir das an. Für viele wäre es nur Müll. Aber für mich ist es eine Linie, die schon existiert. Ich muss sie nicht erfinden.“
Tom drehte den Draht in der Hand. „Darum collagieren Sie?“
Schwitters nickte. „Ganz richtig. Wenn ich collagiere, arbeite ich mit der Welt selbst.“
Sie kamen an eine flache Stelle, wo sich Regenwasser in einer Mulde gesammelt hatte. Das Wasser lag still wie ein Spiegel. Tom kniete sich hin.
„Man kann alles sehen.“
Im Wasser spiegelten sich die Bretter, die sie trugen. Ein paar Zweige ragten ins Bild, und in der Spiegelung formten sie eine merkwürdige Gestalt – fast wie Knochen, wie ein Tiergerippe. Tom zeigte darauf. „Das sieht aus wie ein Skelett.“
Schwitters betrachtete die Spiegelung und nickte langsam. „Ja. Das Holz oben, die Knochen unten.“
Der Junge sah wieder ins Wasser. „Das ist irgendwie unheimlich.“
„Nicht unheimlich“, sagte Schwitters sanft. „Nur ehrlich.“
Tom dachte darüber nach. „Sind Sie berühmt?“
Schwitters lachte leise. „Manchmal glauben das die Leute.“
„Und verkaufen Sie viele Sachen?“
„Nicht immer.“
„Und warum machen Sie es dann?“
Schwitters sah über die Hügel, die im Morgenlicht lagen. „Weil Kunst eine Art ist, die Welt zu verstehen.“
Der Junge schwieg eine Weile. Dann fragte er: „Kann ich auch einen Merzbau machen?“
Schwitters legte ihm die Hand auf die Schulter. „Natürlich kannst du das.“
„Auch wenn ich noch ein Kind bin?“
„Gerade dann“, sagte Schwitters freundlich. „Kinder sehen Dinge oft besser als Erwachsene.“
Tom strahlte. „Und wie fange ich an?“
Schwitters deutete auf den Boden, auf die Steine, das Holz, den Draht.
„Du musst nur lernen, hinzusehen.“
Sie gingen den Hügel hinauf, zwei Sammler in einer Welt voller Reste, während der See unten lag wie ein Spiegel, und die Welt im Wasser noch einmal erzählte – in Holz, in Schatten und in Knochen.
Die vierte Reiterin
Es war spät, ein Mittwochabend, der sich nicht entscheiden konnte, ob er noch zum Tag gehörte oder schon zu den Dingen, die nach Sonnenuntergang geschehen und später gern als Experimente bezeichnet werden.
Im Heroinen-Studio roch es nach Staub, Fixierbad und Kaffee, der schon vor Stunden gekocht worden war.
Hannah Höch stand vor der großen Reproduktion der apokalyptischen Reiter. Man hatte sie in übertriebener Größe auf eine Leinwand übertragen, so dass die Pferdeköpfe fast die Decke berührten. Die Linien waren sauber, aber ein wenig zu sauber, wie wenn jemand ein Gewitter mit Lineal gezeichnet hätte.
„Zu ordentlich“, sagte Hannah.
Doerte Eißfeldt saß auf dem Tisch und schwang ein Bein. Sie betrachtete das Bild, als überlege sie, ob man es aus der Wand schneiden könne.
„Es ist das Problem der Wahrheit“, sagte sie.
„Oder der Dichtung.“
„Dass sie beide so gern behaupten, sie seien das Original.“
Hannah nahm einen Stuhl und stellte ihn mitten in den Raum.
„Die Pferde sehen aus“, sagte sie, „als hätten sie gerade erfahren, dass sie berühmt werden.“
Doerte lachte kurz.
„Vielleicht wissen sie es schon.“
Sie griff in ihre Jackentasche und legte ein kleines Stück Papier auf den Tisch, getränkt mit irgendetwas.
Es war unscheinbar.
„Nur ein wenig“, sagte sie.
Hannah betrachtete das Papier mit der vorsichtigen Aufmerksamkeit, mit der man gewöhnlich eine neue Linse prüft.
„Wahrheit oder Dichtung?“
„Ein Filter.“
Sie teilten das kleine Stück, schluckten.
Dann warteten sie.
Zuerst geschah nichts.
Die Pferde blieben Pferde.
Die Reiter blieben Reiter.
Die Uhr im Studio tickte mit einer fast beleidigten Genauigkeit.
Doch nach einiger Zeit begann die Luft zwischen ihnen und der Leinwand sich zu verändern.
Es war nicht sofort sichtbar. Eher eine Art Bewegung im Stillstand.
„Siehst du das?“ fragte Doerte.
Hannah nickte.
Der vorderste Reiter war jetzt unbekleidet, wehrlos, hatte den Kopf leicht gedreht,.
Nicht viel.
Nur ein paar Millimeter.
Aber genug.
„Er schaut uns an.“
„Oder durch uns.“
Die Linien der Holzstichreproduktion begannen sich zu lockern. Die Schraffuren wurden weicher, als hätten sie beschlossen, sich nicht mehr an ihre ursprüngliche Richtung zu halten.
Die Pferde bewegten ihre Beine.
Nicht nach vorne.
Eher seitwärts, wie Tiere, die eine neue Landschaft betreten.
Hannah trat näher an die Leinwand.
„Das ist der Moment“, sagte sie, „in dem Wahrheit beschließt, ein bisschen zu lügen.“
Doerte hatte inzwischen ein Blatt Papier auf den Boden gelegt.
Sie zeichnete.
Nicht sorgfältig, sondern hastig, als müsse sie die Dinge festhalten, bevor sie wieder zu Buchstaben wurden.
„Das Pferd wird durchsichtig“, sagte sie.
Hannah sah es.
Der Körper des Tieres bestand plötzlich aus Linien, die mehr erinnerten als erklärten. Durch ihn hindurch glitten Formen: Kapuzen, Räder, vielleicht sogar eine Schreibmaschine.
„Das ist kein Pferd mehr“, murmelte Hannah.
„Es ist ein Gedanke.“
Die Reiter lösten sich.
Der eine verlor seinen Arm.
Der andere sein Gesicht.
Aus dem Hintergrund schob sich etwas nach vorne, das in Dürers Stich gar nicht vorgesehen gewesen war.
Ein Frosch oder eine Kröte.
Er sprang auf zwei Beinen über den Rand der Welt.
„Das ist neu“, sagte Doerte zufrieden. „Er ähnelt dir:“
Hannah bemerkte eine Kamera.
Sie stand auf zwei Beinen, regungslos, lauernd.
„Die Kamera sieht alles“, sagte Hannah.
„Auch das, was sie erfindet.“
Doerte zeichnete schneller.
Das Papier begann sich zu füllen: Köpfe von Schwänen, ein Pferd aus Nebel, Mönchskuttenträger, eine Kamera mit Beinen, ein Frosch, der in die Luft sprang, und eine Frau, die auf dem Boden lag und schlief.
„Wer ist das?“ fragte Hannah und zeigte auf die rechte untere Ecke.
Doerte hielt inne.
„Vielleicht“, sagte sie langsam, „die vierte Reiterin.“
„Die, die zeichnet.“
Die Linien der Reproduktion verschwammen jetzt vollständig. Die apokalyptischen Pferde hatten sich in etwas anderes verwandelt – eine Art Bewegung aus Staub, Technik und Erinnerung.
Hannah setzte sich auf den Boden.
„Weißt du“, sagte sie, „ich glaube, die Wahrheit ist nur eine sehr unzuverlässige Zeichnung.“
Doerte nickte.
„Und Dichtung ist ein zweiter Anlauf.“
Die Nacht war inzwischen hereingekommen, ohne anzuklopfen.
Das Studio war still.
Nur der Bleistift bewegte sich noch.
Und auf dem Papier entstand eine Landschaft, die weder ganz wahr noch ganz erfunden war, aber mit erstaunlicher Genauigkeit zeigte, was man sehen konnte, wenn man den Bildern lange genug erlaubte, sich selbst zu erklären.
Als sie später die Zeichnung betrachteten, konnten sie sich nicht mehr genau erinnern, wann der Frosch angefangen hatte zu tanzen.
Oder wann die Kamera Beine bekommen hatte.
Aber sie waren sich sicher, dass die Pferde zuerst gelacht hatten.

Im November 1989 war alles gefallen. Die Mauer war offen, die Schlagbäume standen wie vergessene Requisiten in der Landschaft, Menschen lagen sich weinend in den Armen, und er stand in einer Buchhandlung am Stadtrand zwischen Kalendern für 1990 und einem Stapel unverkaufter Erzählbände mit dem Titel:
„Wenn die Wirklichkeit Risse bekommt.“
Schwarz-weißes Autorenfoto. Ernsthafter Blick. Darunter sein Name, der ihm inzwischen vorkam wie der eines entfernten Onkels.
Er hatte alle Marketinghinweise befolgt: Warmes Licht. Kleiner Tisch statt Pult. Wasserglas.
Zwei Kerzen, nicht esoterisch, sondern intim. Leise Erik Satie vom Kassettenrekorder.
Begonnen hatte er ohne Begrüßung, mit einer Passage, in der ein Mann eines Morgens feststellt, dass sein Schatten eine halbe Stunde früher aufsteht als er selbst. Erst danach hatte er gesagt: „Manchmal verrutscht die Wirklichkeit um wenige Millimeter – meine Geschichten beginnen genau dort.“
Es war August gewesen. Das Publikum hatte höflich genickt. Eine Frau in der zweiten Reihe hatte gelächelt, als sei sie bereit, ihm diesen Millimeter zu glauben. Er hatte die Dramaturgie eingehalten wie andere Menschen einen Diätplan: Irritation. – Humor. – Persönlicher Einschub. -Verdichtung. – Pause. – Nachhall.
Er hatte erzählt, wie er überzeugt war, ihm habe einmal im Supermarkt die Durchsage gegolten, obwohl sie einen anderen meinten. Wie er kurz überzeugt gewesen sei, die Lautsprecheranlage kenne seinen Namen. Das Publikum hatte leise gelacht. Es war alles richtig gewesen. Nur kam dann der September. Und im Oktober begannen die Nachrichten größer zu werden als jede Fiktion. In Leipzig standen Zehntausende auf den Straßen. In Berlin sammelte sich eine Unruhe, die kein Metaphernband mehr brauchte. Seine Geschichte vom Mann, der durch eine unsichtbare Tür in seiner Küche verschwindet, wirkte plötzlich bescheiden gegen eine Welt, die tatsächlich durch eine neue Tür ging.
Am 9. November saß er im Kulturzentrum und wartete auf die Lesung Nummer sieben. Vier Stühle waren besetzt. Zwei davon gehörten dem Hausmeisterehepaar. Er las dennoch.
Eine Geschichte über eine Stadt, die über Nacht ihre Grenzen verliert, weil die Straßenschilder beschließen, woandershin zu zeigen. Als er aufsah, hatte jemand das Radio im Foyer lauter gestellt. „Die Grenzübergänge sind geöffnet.“ Das Publikum stand auf. Nicht wegen seiner Pointe. Er blieb sitzen. Das warme Licht brannte weiter. Die Kerzen tropften unpolitisch vor sich hin. Er wartete, ob jemand zurückkäme für den Gesprächsteil. Für die Frage: „Glauben Sie, dass unsere Zeit realistischer oder surrealer geworden ist?“ Niemand antwortete. Er stellte sie sich selbst.
In den folgenden Tagen versuchte er, die Dramaturgie anzupassen.
Mehr Grenze, mehr Schwelle, mehr Ahnung. Aber die Wirklichkeit hatte ihn überholt. Seine Bücher standen nun in Schaufenstern neben Sonderausgaben mit historischen Titelseiten. „Deutschland im Umbruch.“ „Chronik eines Abends.“ Sein Band wirkte daneben wie eine höfliche Privatmeinung.
Er begann, in seinen eigenen Geschichten Trost zu suchen. Las sie nachts laut in seiner Wohnung, als müsse er prüfen, ob sie noch funktionierten. Manchmal glaubte er, die Figuren rückten enger zusammen, als wollten sie ihn trösten. Einmal war er sicher, der Mann ohne Schatten sitze auf seinem Sofa. „Es ist nur ein Millimeter“, sagte die Figur. „Nein“, antwortete er. „Es sind Millionen Menschen.“
Er schlief schlecht. Er begann, die Dramaturgie seines Alltags zu strukturieren:
Irritation – Aufwachen.
Humor – Kaffee kochen.
Persönlicher Einschub – Blick in den Spiegel.
Verdichtung – Zeitung lesen.
Verunsicherung – Radio hören.
Nachhall – Stille.
Er verließ die Wohnung kaum noch. Er war überzeugt, die Welt habe beschlossen, magischer zu sein als er. Eines Morgens stellte er fest, dass sein Spiegelbild eine halbe Sekunde später reagierte als er selbst. Er notierte es gewissenhaft. Man muss Material sammeln. Als er beim nächsten Mal zur Buchhandlung ging, war sein Stapel verschwunden. „Ausverkauft?“, fragte er. Die Buchhändlerin sah ihn freundlich an. „Umgeräumt.“ Er nickte. Natürlich. Die Welt wurde umgeräumt.
Er begann, Briefe an seine Leser zu schreiben, obwohl er keine Adressen hatte. Er legte sie ungeöffnet in Umschläge. In einem schrieb er: „Vielleicht war der Fehler, dass ich glaubte, die Wirklichkeit müsse verrückt spielen, damit man mir zuhört. Dabei genügt sie sich selbst.“ Die Umschläge stapelten sich. Seine Wohnung wurde stiller.
Eines Abends hörte er aus dem Kassettenrekorder wieder Erik Satie. Er war sicher, ihn nicht eingeschaltet zu haben. Das warme Licht war an. Die Kerzen brannten. Er setzte sich an den kleinen Tisch. „Meine Damen und Herren“, begann er. Die Stühle waren leer. Er las dennoch.
Als man ihn einige Wochen später in eine Klinik brachte, war er höflich. Er erklärte dem Arzt, es handle sich um eine dramaturgische Zuspitzung. Eine logische Verdichtung. „Die Wirklichkeit ist mir vorausgeeilt“, sagte er ruhig. „Ich versuche nur aufzuholen.“ Der Arzt machte sich Notizen.
Im Aufenthaltsraum stellte er die Stühle in Reihen. Kein Pult. Kleiner Tisch. Wasserglas. Er begann mit einer Passage ohne Vorrede. Ein Mann wacht auf und stellt fest, dass die Welt sich um wenige Millimeter verschoben hat. Die Mitpatienten hörten aufmerksam zu. Als er endete, ließ er eine Pause. Stille wirkte. Draußen fiel der erste Schnee auf ein Land, das gerade beschlossen hatte, keines mehr zu sein. Und irgendwo, sehr leise, verrutschte die Wirklichkeit noch einmal um einen Millimeter. Diesmal ohne ihn.
Man ließ ihn gewähren. Er stellte die Stühle im Aufenthaltsraum in ordentliche Reihen, was unter normalen Umständen schon als literarischer Ehrgeiz gegolten hätte.
Die Mitpatienten nahmen Platz wie Statisten in einem schlecht bezahlten Weltuntergang. Er begann stets ohne Vorrede. „Ein Mann wacht auf und stellt fest, dass sein Name über Nacht berühmter geworden ist als er selbst.“ Die Patienten nickten ernst. Einer, der sich für eine stillgelegte Straßenbahn hielt, begann, bei besonders gelungenen Sätzen zu klingeln.
Eine Dame mit permanentem Hochzeitsstrauß weinte zuverlässig an den falschen Stellen.
Ein ehemaliger Mathematiklehrer, der nur noch in Primzahlen sprach, sagte nach jeder Lesung: „Dreizehn. Groß.“ Das genügte.
Was als Beschäftigungstherapie gedacht war, entwickelte eine Eigendynamik, die selbst für seine Maßstäbe ungehörig war.
Der Mann, der sich für eine Straßenbahn hielt, fuhr eines Tages einfach los. Er verließ das Gelände, klingelnd, mit einem Exemplar des Erzählbandes unter dem Arm, stellte sich vor das nächstgelegene Café und begann, Passanten mitzunehmen – nicht physisch, sondern erzählerisch. „Endstation: Wirklichkeit“, rief er. Er las laut. Die Leute blieben stehen. Zuerst wegen der Straßenbahn. Dann wegen der Geschichte.
Die Dame mit dem Hochzeitsstrauß schickte Einladungen: an Redaktionen, an Buch-handlungen, an das Kulturamt. „Sie sind herzlich eingeladen zur Vermählung der Realität mit dem Wahnsinn“, schrieb sie in sorgfältiger Schönschrift und legte jeweils eine Seite aus dem Band bei.
Der Mathematiklehrer faxte (Primzahlseitenzahlen, versteht sich) ausgewählte Passagen an Lokalzeitungen.
Irgendjemand begann, das Ganze „die verrückteste Lesereihe der Republik“ zu nennen. Ein Journalist kam. Er erwartete Elend und bekam Inszenierung. Der Autor saß ruhig da, dunkles Sakko, Wasserglas, keine Spur von Exzentrik.
Er sagte: „Manchmal verrutscht die Wirklichkeit um wenige Millimeter.“ m Hintergrund klingelte die Straßenbahn zustimmend.
Der Artikel erschien unter der Überschrift: „Genie oder Anstalt? Ein Erzählband sprengt die Mauern.“ Das war im Dezember. Im Januar sprach man bereits von einem „Kult“.
Im Februar war die erste Auflage vergriffen. Im März diskutierte man im Feuilleton, ob der Wahnsinn nicht die ehrlichere Form der Literatur sei.
Die Buchhandlungen bauten Sondertische. Schwarz-weißes Autorenfoto. Seriöser Blick. „Geschichten aus dem Spalt zwischen den Welten“ – nun mit Aufkleber:
Das Buch aus der Klinik.
Der Verlag, der ihn zuvor höflich abgelehnt hatte, meldete sich. Man sprach von „außergewöhnlichem Publikumsinteresse“.
Der Autor bekam davon wenig mit. Irgendwann im Winter hatte sich in seinem Kopf etwas gelöst wie eine schlecht sitzende Tapete. Er wachte morgens auf mit einem Gefühl von Triumph. Ein helles, beinahe unanständiges Glück. Er setzte sich im Bett auf und sagte: „Es ist gelungen.“ Er wusste nicht genau, was.
Man brachte ihm Zeitungen. Er lächelte über sein eigenes Foto, als sähe er einen entfernten Verwandten, der es zu etwas gebracht hatte. „Ein bemerkenswerter Mann“, sagte er anerkennend. Gegen Mittag begann das Hochgefühl zu verblassen.
Am Nachmittag fragte er gelegentlich: „Schreiben Sie eigentlich?“ Die Mitpatienten nickten höflich. Am nächsten Morgen begann alles von vorn. Das Glücksgefühl: „Es ist gelungen“, sagte er.
Man erzählte ihm von Lesereisen, von vollen Sälen, von Nachdrucken. Er hörte aufmerksam zu, wie jemand, der sich für Literatur interessiert, aber nicht betroffen ist.
Einmal führte man ihn in eine große Buchhandlung. Menschen standen Schlange.
Sie hielten seinen Erzählband wie eine Eintrittskarte zu einer besonders eleganten Form des Kontrollverlusts. Er setzte sich an den Tisch. Warmes Licht. Wasserglas. Er signierte mit sorgfältiger Handschrift seinen Namen unter den eigenen. „Für wen?“, fragte er. „Für mich“, sagte eine Frau, den Band fest an die Brust gedrückt. Er nickte verständnisvoll. „Eine ausgezeichnete Wahl.“
Später, im Wagen zurück zur Klinik, betrachtete er seine Hände. „Kennen Sie den Autor?“, fragte er den Pfleger. „Ein wenig“, sagte dieser lächelnd. Am nächsten Morgen wachte er auf. Die Sonne lag wie eine fett gemästete Katze auf dem Fensterbrett. Er lächelte in die Stille. „Es ist gelungen“, sagte er mit zarter Gewissheit.
Im Aufenthaltsraum stellten die Mitpatienten die Stühle in Reihen. Die Straßenbahn klingelte. Der Mathematiklehrer flüsterte: „Siebzehn. Enorm.“ Er begann natürlich ohne Vorrede.
Draußen wuchs der Erfolg weiter, wie ein Gerücht, das sich selbst bestätigt. Drinnen verrutschte die Wirklichkeit um einen Millimeter – jeden Morgen neu. Und jedes Mal war er der Erste, der davon überrascht wurde. Welch Glücksgefühl.

Das Wasser lief ihm davon, noch ehe er es richtig gebändigt hatte. Es sickerte in die Fasern des
Papiers, zog Ränder, bildete Lachen, als hätte es einen eigenen Willen. Er stand am Tisch,
beugte sich vor, hielt den Atem an, als könne er so das Blau festhalten, das sich eben noch
gehorsam gezeigt hatte und nun in dünnen Adern auseinanderlief.
„Nicht zwingen“, sagte er halblaut. „Du darfst es nicht zwingen.“
Das Türkis fraß sich in ein dunkleres Ultramarin, und dort, wo er mit dem Pinsel zögerte, entstand
eine Verdichtung, ein Schatten, eine Andeutung von Stirn und Augenhöhle. Er trat einen Schritt
zurück. Es war wieder geschehen: ein Gesicht hatte sich eingeschlichen, ohne dass er es
beabsichtigt hatte.
Er hatte sich vorgenommen, kein Porträt zu malen. Nie wieder eines, das einen Namen trug.
Er setzte einen gelben Akzent in die linke obere Ecke, ein stumpfes Ocker, das sich gegen die
Kühle stemmte. Es flammte auf wie ein Rest von Sonne über einer Wasserfläche. Für einen
Augenblick dachte er an den dritten Tag.
Am dritten Tag hatte das Licht gefehlt.
Sie hatten geglaubt, der Graben sei sicher. Ein schmaler Einschnitt im gefrorenen Boden,
verstärkt mit Brettern, die nach nassem Holz rochen. Es war Januar 1944, und der Schnee lag
wie eine Verheißung von Reinheit über dem verwüsteten Feld. Sie hatten gescherzt, sogar
gesungen, als wollten sie dem Krieg beweisen, dass sie ihn nicht ernst nahmen.
Dann kam der Einschlag.
Er erinnerte sich nicht an den Knall, nur an das Nachgeben der Erde, an das plötzliche Dunkel,
das ihnen den Atem nahm. Als er wieder zu sich kam, war der Graben ein Loch geworden, gefüllt
mit Staub und dem Geruch von Metall.
„Bist du da?“ hatte Krüger gerufen, seine Stimme brüchig wie dünnes Eis.
Er war da gewesen. Und Mertens. Und der junge Falk, dessen Gesicht immer noch etwas
Kindliches trug, als sei es für diesen Ort nicht gemacht.
Drei Tage.
Das Blau im Bild vertiefte sich, wurde schwerer, zog die Formen nach unten. Er ließ Wasser über
die Mitte laufen, sah zu, wie es sich sammelte, dunkler wurde, fast violett. Dort, im Zentrum,
entstand eine Verdichtung, ein Knäuel aus Schatten und Andeutungen von Schädeln.
„Nicht ihr“, murmelte er. „Ich male nicht euch.“
Aber das Papier widersprach. Es nahm die Farbe an wie die Erde damals die Körper.
Er hatte versucht, die Stunden im Graben zu zählen. Erst hatte er mitgesprochen, als Mertens
betete, flüsternd, stoßweise, als wolle er Gott nicht aufwecken. Später hatten sie nur noch
geschwiegen, weil jedes Wort Luft kostete.
Im Dunkel hatten sich ihre Gesichter verändert. Ohne Licht wurden sie zu Flächen, zu
Atemzügen, zu Stimmen. Er hatte Krügers Hand ertastet, kalt und feucht, und sich eingebildet,
sie werde schon durchsichtig.
„Wenn wir hier rauskommen“, hatte Falk gesagt, „dann male ich mir das Meer. Nur Wasser und
Himmel.“
Falk hatte nicht malen können. Aber er hatte vom Meer gesprochen, als sei es ein Versprechen.
Das Bild vor ihm war nun ganz von Wasser durchzogen. An den Rändern standen helle Zonen,
fast unberührt, als hätten sie sich dem Geschehen entzogen. Oben jedoch, aus dem Blau
heraus, formten sich drei größere Köpfe. Keine klaren Porträts – nur Andeutungen: eine Stirn, ein
offener Mund, eine leere Augenhöhle.
Er strich mit dem Pinsel darüber, verwischte eine Kontur, die ihm zu deutlich erschien. Identität
war gefährlich. Sie verlangte nach Namen, nach Geschichten, nach Schuld.
„Es ist nur Farbe“, sagte er sich. „Nur Pigment und Wasser.“
Aber er wusste, dass das nicht stimmte. Jede Lasur war eine Schicht Erinnerung. Jede
Verdichtung ein Ort, an dem etwas verschüttet lag.
Am zweiten Tag im Graben hatten sie begonnen, sich Geschichten zu erzählen. Nicht vom Krieg,
sondern von zuhause. Krüger sprach von einer Apfelwiese hinter dem Haus seiner Eltern.
Mertens beschrieb die Hände seiner Frau, wie sie Teig kneteten. Und er selbst – er hatte von
einem Fluss gesprochen, der im Sommer so flach wurde, dass man die Steine sehen konnte.
„Das Wasser trägt alles fort“, hatte er gesagt, mehr zu sich als zu den anderen.
„Dann soll es uns auch tragen“, hatte Falk geantwortet.
Am Ende des dritten Tages war es still geworden neben ihm.
Er setzte einen grünen Strich an den unteren Rand des Bildes. Ein schmales Band, fast wie ein
Horizont. Es wirkte unsicher, schwankend. Kein fester Boden, eher eine Erinnerung daran, dass
es so etwas einmal gegeben hatte.
Die Gesichter im Zentrum schienen sich ineinander zu schieben. Ein Mund öffnete sich, als wolle
er sprechen. Ein Auge blieb leer. Er ließ Wasser darüber laufen, sah zu, wie die Konturen sich
auflösten.
„Ich male euch nicht“, sagte er leise. „Ich male das, was bleibt.“
Was blieb, war nicht der Lärm der Explosion. Nicht das Dröhnen der Geschütze. Es war das Blau
des Himmels, das sie vor dem Einschlag gesehen hatten. Ein überirdisches, fast gleichgültiges Blau.
Er hatte es damals nicht beachtet.
Jetzt suchte er es in jeder Mischung, prüfte die Kühle, die Tiefe, bis es ihm richtig erschien. Er
trug es oben rechts auf, dichter, schwerer, wie eine Wand. Dahinter ließ er helle Flächen stehen,
unentschieden, als könnten sie sich noch verwandeln.
Als sie schließlich ausgegraben wurden – er wusste nicht mehr, wer zuerst Licht sah –, hatte er
die Augen geschlossen. Das Helle tat weh. Er wollte zurück ins Dunkel, in dem die Gesichter
keine Konturen hatten und die Schuld keine Farbe.
Später erfuhr er, dass nur zwei von ihnen lebend geborgen wurden.
Krüger hatte überlebt. Falk nicht. Mertens nicht.
Er trat erneut zurück. Das Bild war unruhig, voller Überlagerungen. Kein Gesicht war klar, keines
ganz verschwunden. Sie schwebten im Blau, gebunden aneinander durch fließende Übergänge,
als gehörten sie zu einem einzigen Körper.
Vielleicht, dachte er, ist das die Wahrheit: dass wir nicht getrennt werden können. Dass wir
ineinander weiterleben, als Flecken, als Schatten, als kaum erkennbare Züge.
Er nahm den Pinsel ein letztes Mal, setzte einen kleinen gelben Akzent über eine der Stirnen.
Kein strahlendes Licht, eher ein matter Schimmer.
„Für euch“, sagte er, ohne die Namen auszusprechen.
Dann legte er den Pinsel beiseite. Das Wasser arbeitete weiter, zog Linien, verband, löste auf. Er
konnte es nicht mehr lenken.
Und während das Bild trocknete, wusste er, dass er wieder nur eines gemalt hatte: nicht den
Krieg, nicht den Graben, nicht den Tod – sondern das Blau, das alles umgab und nichts erklärte.